Mentoring für Frauen in MINT-Studiengängen

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Mentoring für Frauen in MINT-Studiengängen

Foto: Mitautorin Sabine Schmoelzl des Buches Mentoring - Wissenswertes und Persönliches

Im Folgenden lesen Sie aus unserem kostenfreien Buch Mentoring – Wissenswertes und Persönliches den Erfahrungsbericht von Sabine Schmoelzl, in dem sie u. a. beschreibt, warum sie gern ehrenamtlich Mentorin ist und Mentoring als ideales Tool zur Talentförderung für Frauen in MINT-Berufen ansieht.


In Australien ist Mentoring zwar bekannter als in Deutschland, aber bei Weitem nicht so verbreitet wie in den USA. Als Wissenschaftlerin und Dozentin arbeite ich für ein staatliches Forschungsinstitut, und bin auch mit einer Universität affiliert. Damit gehöre ich zu der leider immer noch zu geringen Zahl an Frauen, die im MINT-Bereich Fuß gefasst haben und auch langfristig bei dieser Wahl geblieben sind. An meiner Universität bin ich auch zum ersten Mal mit einem richtigen Mentoring-Programm in Kontakt gekommen. Es handelte sich um ein öffentlich finanziertes Pilotprojekt, das für weibliche Erstsemester in den MINT-Studiengängen gedacht war. Das Angebot stand also nicht allen StudentInnen offen. Und auch auf Seite der Mentoren richtete sich das Programm in erster Linie an den Lehrkörper im MINT-Bereich.

Auch wenn ich das Konzept hinter Mentoring schon kannte, war das der Zeitpunkt, zu dem ich mich erstmals als Mentorin für junge Frauen engagiert habe. Ich selbst hatte nie einen Mentor im eigentlichen Wortsinn, sondern immer nur Menschen, die diese Rolle für mich eingenommen haben. Ob formelles oder informelles Mentoring: Ein gewisses gegenseitiges Vertrauen, ein offenes Ohr der Mentorin und Hilfestellungen für die Entscheidungen der Mentee gehören hier wie da dazu. Von daher kann ich auch nicht sagen, ob ein Mentor im engeren Sinn für mich hilfreicher gewesen wäre. Gut gefunden hätte ich es vermutlich, denn in den Anfangsstadien meiner Laufbahn war ich recht unsicher und zurückhaltend in meiner Vorgehensweise. Allerdings meine ich ein Training für beide Seiten ist wichtig für das Gelingen.

Mentorin zu sein hat mich aus mehrerer Gründen interessiert: Zum einen wollte ich etwas von den positiven Erfahrungen zurückgeben, die ich in meinem Leben und während meiner Karriere machen durfte. Zum anderen hoffte ich, auch selbst von dem Austausch mit einer Mentee profitieren zu können. Und so war es dann auch.

Als Mentorin gestartet mit professioneller Begleitung

Wir hatten das große Glück, dass eine professionelle Beraterin für Mentoring-Programme sowohl der Universität als auch uns Mentorinnen und Mentees bei der Strukturierung und der Durchführung half. Die Tandems wurden basierend auf ihren Interessenschwerpunkten gebildet und lernten sich erstmals während einer zweitägigen Auftaktveranstaltung am Wochenende kennen. Dieser Workshop war für alle Teilnehmerinnen verpflichtend, und ich habe daraus eine Menge gelernt.

Schließlich war vielen von uns zu Beginn nicht klar, was Mentoring ist und was es nicht ist. Es geht eben nicht darum, seine eigenen Erfahrungen in den Mittelpunkt zu stellen und seine Meinung um jeden Preis durchzudrücken. Es geht darum, einen positiven Fokus auf die Bedürfnisse der Mentee zu haben und sich nicht durch überzogene Erwartungen oder persönliche Probleme aus dem Konzept bringen zu lassen.

Am Ende des zweitägigen Workshops, der im Hauptteil getrennt für Mentorinnen und Mentees stattfand, kamen die Tandems erstmals zusammen und starteten von da an in ihre sechsmonatige Mentoring-Beziehung. Der sich anschließende Prozess war durch den Workshop ein wenig vorgezeichnet, aber eben nicht vorgeschrieben.

Nach Ablauf des Pilotprojekts habe ich versucht, meine neu gewonnenen Einsichten für meine DoktorandInnen zusätzlich zu meinen eigentlichen Aufgaben als Betreuerin einzubringen. Die Betreuung einer Doktorarbeit ist in meinen Augen eine ziemliche Gratwanderung, da ich als Betreuerin natürlich auch Anleitung geben muss und Forschungsthemen durchspreche und auf der anderen Seite sollen die DoktorandInnen an die Unabhängigkeit des wissenschaftlichen Denkens herangeführt werden. Dieser täglichen Herausforderung stelle ich mich sehr gerne, weil ich meine DoktorandInnen immer sehr mag und mich auch für die jungen Menschen, die mir so viel Freude machen, einsetzen möchte. Vor allem die weiblichen Doktoranden liegen mir am Herzen, weil Frauen es im MINT-Bereich auch in den Wissenschaften häufig schwer haben. Hier zu helfen bedeutet mir sehr viel.

Während viele – auch junge – Menschen wissen, wo sie das bekommen, was sie an Unterstützung bei ihrer Karriereentwicklung brauchen, engagiere ich mich gerne für diejenigen, die das eher nicht wissen. Das sind häufig introvertierte Menschen, die viel in ihre Projekte und Ideen investieren, aber nicht unbedingt auch in sich selbst. Nichtsdestotrotz treffe ich auch hier immer auf großes Interesse und Neugier. Ich mag es zu beobachten, wie meine Mentees durch unsere Zusammenarbeit immer mehr Selbstsicherheit gewinnen. Und nicht nur das: Sie kommen auch besser mit den eigenen, manchmal widerstreitenden – Gedanken zurecht und vertrauen ihrem Entscheidungsvermögen mehr. Diesen Veränderungsprozess begleite ich als Mentorin sehr gerne.

Ein sehr schönes Beispiel ist meine erste Mentee, die ich später in einem meiner Uni-Kurse hatte. Sie wollte ein Praktikum haben und hat dann mit einer Kommilitonin ein Forschungsprojekt bei uns am Forschungsinstitut außerhalb der Universität gemacht. Ohne unser Mentoring hätte sie vielleicht gar nicht den Mut gehabt, danach zu fragen. Oder die Doktorandin, die mir nach drei Jahren gesagt hat, dass sie erst am Ende verstanden hat, warum ich sie so und nicht anders durch die Promotion geleitet habe. Als Mentorin ist meine Rolle eben eine zurückhaltende und nicht bestimmende.

Was ich als Mentorin gebe und warum ich Mentorin bin

Ich bin keine starke Autoritätsperson und strebe auch nicht danach. In meiner Rolle als Mentorin würde ich auch nur ungern eine feste Struktur vorgeben müssen. Meine Mentee sollte interessiert sein und auch von sich aus über ihre Herausforderungen sprechen. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Strukturen und Inhalte zu entwickeln. Ansonsten führen wir einen Dialog miteinander, den ich aber auch mit meiner Neugier befeuere.

Wenn ich auf meine Mentoring-Erfahrungen der letzten Jahre zurückblicke, habe ich eine viel exaktere Vorstellung von dem gewonnen, was Mentoring ist. Ich weiß jetzt, welche Erwartungen an mich gestellt werden und was nicht erwartet werden kann, weil es die Rolle als Mentorin nicht hergibt. Mit den Jahren konnte ich mich immer leichter auf meine Mentees einlassen, weil ich weiß, dass ich keine Lösungen anbieten muss. Ich bringe ja niemandem etwas bei. Die Grenze zwischen Training, Coaching und Mentoring ist fließend; für mich aber mittlerweile sehr klar. Als Mentorin höre ich zu, teile meine eigenen Erfahrungen und auch meine Standpunkte. Ich setze sie aber nicht durch. Als Mentorin kenne ich häufig die zwei Seiten einer Medaille und benenne sie auch aktiv – die Entscheidung trifft aber meine Mentee.

Das ist eine sehr zufriedenstellende Aufgabe. Ich habe den Eindruck, jeder meiner Mentees ein bisschen geholfen zu haben, ihren eigenen Weg zu finden. Es ist schön, das mit anzusehen – ich muss das gar nicht von den Mentees selbst hören. Von daher empfinde ich Mentoring als sehr anregend. Die Motivation und das Interesse der Studentinnen, die ja in Australien für ihr Studium bezahlen und im Normalfall dadurch Schulden an den Staat aufbauen, begeistert mich immer wieder aufs Neue.

Von daher bin ich vom Nutzen von Mentoring überzeugt. Es ist mir ein wichtiges Anliegen, jungen Menschen und vor allem Frauen in den ersten Jahren zu helfen, weil der Start ins Berufsleben gerade in den Wissenschaften und in der akademischen Welt kein einfacher Weg ist. Diesen Weg zu finden, war für mich als junge Frau auch wichtig. Mentoring ist speziell für die Förderung von Frauen ein verhältnismäßig weicher, aber sehr wirkungsvoller Ansatz. Als Mentorin kann ich Menschen helfen, die keine anderweitige Unterstützung erfahren. Jemandem einen Zugang, ein offenes Ohr zu schenken, ist mir sehr wichtig.

 

Portraitfoto: Mentorin Sabine Schmoelzl

Über Sabine Schmoelzl

Aufgewachsen und Abitur in Bad Reichenhall

Studium der Tiermedizin und Doktorarbeit an der LMU München

DFG Forschungsstipendium und Forschungstelle am Ontario Veterinary College, Guelph, Kanada

Aufenthalt am International Livestock Research Institut, Nairobi, Kenya

Seit 2008 beschäftigt als Wissenschaftlerin und Teamleiterin am CSIRO Agriculture and Food, Armidale, Australien; Adjunct Senior Lecturer an der University of New England, Australien.

https://people.csiro.au/S/S/Sabine-Schmoelzl

 


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Darin lesen Sie Wissenswertes, Tipps und Tricks rund um Mentoring.
Enthalten sind u. a. dieser Erfahrungsbericht von Sabine Schmoelzl oder jene von Lena Neumann und Peter Diekmann.

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